Medizinal Cannabis - eine Einführung
Cannabis gehört zu den ältesten bekannten Heilpflanzen der Menschheit. Seine medizinische Nutzung ist mindestens 4.700–5.000 Jahre alt und wurde in vielen Kulturen unabhängig voneinander entwickelt. Die moderne Medizin knüpft heute wieder an dieses jahrtausendealte Wissen an.1) Die frühesten belegten Anwendungen reichen bis etwa 2737 v. Chr. in China zurück. Schon damals wurde die Pflanze gegen Beschwerden wie Rheuma, Malaria oder Verdauungsprobleme genutzt.
Früheste medizinische Nutzung (vor über 4.700 Jahren)2
• China, ca. 2737 v. Chr. Kaiser Shennong beschreibt Cannabis als Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten wie Rheuma, Malaria und Verdauungsprobleme.
• Indien (ab ca. 800 v. Chr.) Verwendung in ayurvedischer Medizin und Ritualen; später auch als Anästhetikum erwähnt.
• Ägypten, Persien, Tibet, Japan, Assyrien Schriftliche Hinweise auf medizinische Nutzung, z. B. gegen Entzündungen oder Schmerzen.
Antike Mittelmeerwelt
• Griechenland & Rom Cannabis wurde als Schmerzmittel und zur Wundheilung eingesetzt.
Mittelalter & frühe Neuzeit
• Arabisch-islamische Medizin Gelehrte wie Avicenna beschrieben die therapeutischen Wirkungen detailliert.
• Europa Nutzung vor allem als beruhigendes Mittel oder gegen Schmerzen, meist in Klöstern.
19. Jahrhundert: Cannabis in der westlichen Medizin
• Cannabis war ein gängiges Arzneimittel in Apotheken, z. B. gegen Migräne, Schlafstörungen oder Krämpfe.
• Der irische Arzt William O’Shaughnessy führte Cannabis nach Beobachtungen in Indien in die westliche Medizin ein.
20. Jahrhundert: Verbot & Rückgang
• Politische Kampagnen führten zur internationalen Ächtung und zum Rückzug aus der Medizin. Massgebend war dabei Präsident Nixon der USA, der damit gegen seine Gegner ein Zeichen setzen wollte. 1970 unterzeichnete Nixon den Controlled Substances Act, der Cannabis bundesweit kriminalisierte und in Schedule I einordnete. Diese prohitionsähnliche Einstufung hielt bis gegen 2020 und war auch in der WHO verankert.
Ab den 1990ern: Renaissance der Medizinalanwendung
• Forschung zu THC und CBD boomt. Es konnten Medikamente mit THC oder CBD für gezielte Indikationen registriert und auf den markt gebracht werden.
• Erste Länder legalisieren medizinisches Cannabis.
Moderne Situation
• Ausgelöst durch weltweite Bewegungen zur Legalisierung von Cannabis für den rekreativen Gebrauch wurden in den meisten Ländern die Gesetze so geändert, dass Cannabis medizinisch eingesetzt werden kann
• In Deutschland ist medizinisches Cannabis seit 2017 legal und verschreibungsfähig.
• In der Schweiz war Cannabis bis 1922 nur mit einer Ausnahmebewilligung des BAG medizinisch einsetzbar. Am 1. August 2022 können Ärzte und Ärztinnen
Cannabisarzneimittel ohne BAG-Bewilligung verschreiben.
1) Etwas Medizingeschichte zum Thema Cannabis – Rosenfluh.ch
2) Pharmakon · 5. Jg · 2/2017 Pharmakon Archiv
Medizinal Cannabis
Die Heilpflanze Cannabis bekommt nun langsam seinen angestammten Platz bei medizinischen Therapien. Allerdings kann momentan medizinisches Cannabis nur auf ärztliche Verschreibung therapeutisch eingesetzt werden, obwohl nur Cannabis mit einem Gehalt von über 1% THC im Betäubungsmittelgesetz verbleibt. Aber auch Ärztinnen und Ärzte müssen sich an Richtlinien orientieren. Richtlinien sind offizielle Empfehlungen, die aber in begründeten Fällen nicht zu beachten sind. Verschreibungen gelten dann als «off-label use».
Indikations- und Verschreibungsrichtlinien:
Einsatzgebiete von Cannabis sind (SGCM, bzw. BAG) 1):
THC und CBD können zur symptomatischen Therapie einer Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt werden. Die wissenschaftliche Evidenz ist sehr unterschiedlich (siehe dazu Therapieempfehlungen).
THC
→ Spastik bzw. Muskelkrämpfe; z. B. bei Multipler Sklerose, amyotropher Lateralsklerose, Querschnittslähmung, Zerebralparese, Morbus Parkinson, Morbus Alzheimer u.a.
→ Chronische Schmerzen; z. B. neuropathische Schmerzen, Tumorschmerzen, Schmerzen bei Polyarthritis, Fibromyalgie, Migräne, Kopfschmerzen u.a.
→ Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Abmagerung (z. B. bei Krebspatienten)
→ Neurologische Erkrankungen; z. B. Tourette-Syndrom, Restless-LegsSyndrom, Dyskinesien u.a.
→ Glaukom (grüner Star)
→ Schlafstörungen
CBD
→ Frühkindliche, therapieresistente Epilepsieformen (Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom)
→ Angststörungen und Panikattacken
→ Chronische Entzündungen und Schmerzen
→ Ver-/Anspannungen
→ Depressive Verstimmungen
→ Linderung von Symptomen beim Entzug von anderen Medikamenten
Die Wirkung von Cannabispräparaten ist sehr individuell und dosisabhängig. Die Non-Responder-Rate für THC-haltige Cannabispräparate beträgt ca. 30 %. Gemäss aktuellem Wissensstand resp. der vorhandenen Literatur kann eine Cannabismedikation nicht als First-Line Behandlung empfohlen werden. Jede Anwendung ist zum aktuellen Zeitpunkt als ein individueller Therapieversuch zu betrachten, wenn die Guideline-konforme Behandlung nicht wirksam ist oder aufgrund von Nebenwirkungen nicht toleriert wird.
Rezeptfreier Einsatz von Cannabis
Allerdings könnten noch eine ganze Reihe einfacher Befindlichkeitsstörungen auch mit Cannabis behandelt werden, wobei dann tief dosiertes THC (unter 1%) und CBD angewendet werden könnte. Zur Zeit ist jedoch die Abgabe von Cannabis-Produkten ohne ärztliche Verschreibung nicht gestattet.
Beispiel wären Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Appetitstörungen usw. Leider hat Cannabis dafür noch keine Zulassung erhalten. Eine erleichterte Zulassung müsste auf politischem Weg ermöglicht werden.
Zürich, April 2023
